Interview mit Elisabeth Pähtz anlässlich der Simultanveranstaltung des SV Seubelsdorf am 28. September

Elisabeth Pähtz ist seit Jahren die beste deutsche Schachspielerin – und nun ist sie zu Gast beim SV Seubelsdorf. 

90 Jahre Schachverein Seubelsdorf – ein Vereinsgeburtstag, der meist nicht groß gefeiert wird. “Aber einen schachsportlichen Akzent setzen wollten wir schon ganz gerne”, sagt Kilian Mager, der stellvertretende Vorsitzende des SV Seubelsdorf. Gesagt, getan – denn der Verein hat eine Spitzenspielerin in den Lichtenfelser Stadtteil gelockt.

Die seit etlichen Jahren beste deutsche Schachspielerin, Elisabeth Pähtz aus Erfurt, spielt am 28. September bei einer Simultanveranstaltung im Meranier-Gymnasium an 30 Brettern – und hofft in den Partien gegen die Amateure auf einen persönlichen Lerneffekt. Warum die Männer im Schach einen Evolutionsvorteil haben und wie groß die Belastung bei einem mehrstündigen Schachspiel ist, verrät die 34-jährige Pähtz im Interview.

Christian Voll:
Wie schätzen Sie eine solche Simultanveranstaltung ein? Ist das für Sie Öffentlichkeitsarbeit, Spaß, Bestandteil des Lebens als Schachprofi oder Kontakt zur Basis?

Elisabeth Pähtz:
Ehrlich gesagt: von allem etwas. Und vielleicht eins noch. Man begegnet schachlich neuen Situationen, weil Amateure oft anders spielen als Profis, oft auch risikofreudiger. Und das heißt für mich, dass ich diese oder jene Variante nochmals überprüfen muss. So gesehen, gibt es also auch einen Lerneffekt.

Christian Voll:
Wie hoch ist die körperlich-mentale Beanspruchung bei einem Simultanspiel an 30 Brettern?

Elisabeth Pähtz:
Das ist bei mir so eine Zahl, die ich als zwar anstrengend, aber noch überschaubar empfinde. Man ist danach zwar müde, aber nicht komplett erledigt. Da gibt es schon einen merklichen Unterschied zu etwa 40 Brettern.
Und die Variantenberechnung bei den permanent wechselnden Stellungsbildern?
Die lässt sich damit regulieren, dass man sich auf allzu komplizierte Verwicklungen gar nicht erst einlässt und eher einfache Stellungsbilder anstrebt.

Christian Voll:
Eine allgemeine Frage: Wie lassen sich im Schachsport Spitzenniveau, Beruf und Privatleben vereinbaren?

Elisabeth Pähtz:
Klare Antwort: Meiner Ansicht nach ist Spitzenschach auf internationalem Niveau – egal ob bei Frauen oder Männern – nicht vereinbar mit irgendeinem Beruf. Nehmen wir zum Beispiel meine Kolleginnen in der Nationalmannschaft, die allesamt nebenbei anderen Berufen nachgehen. Man merkt, dass da in Sachen Kraft und Energie ein paar Nuancen fehlen, die am Ende aber eben den Unterschied ausmachen.

Christian Voll:
Wir reden hier von der sportlich-physischen Komponente des Schachs?

Elisabeth Pähtz:
Genau. Schach ist vieles, auch Sport. Geistiger Sport. Die enorme Anstrengung ist jedoch für den Laien schwer nachzuvollziehen. Gerade wenn eine Partie fünf, sechs oder noch mehr Stunden dauert, ist die mentale Beanspruchung gewaltig. Denn jeder noch so kleine Fehler kann der entscheidende sein. Deshalb muss man körperlich absolut fit sein. Ohne Ausgleichssport geht da nichts – in meinem Fall ist es das Laufen und das Schwimmen.

Christian Voll:
Der körperliche Unterschied zwischen Frauen und Männern dient also auch als Erklärung dafür, dass die weltbesten Spielerinnen im Schach seit Jahren maximal um Platz 100 in der nicht nach Geschlechtern geteilten Rangliste platziert sind?

Elisabeth Pähtz:
Ich glaube schon. Vielleicht sollte man eine Marathonläuferin zur Schachspielerin umschulen, um weitere Erkenntnisse zu bekommen. (lacht) Hinzu kommen weitere Punkte: Die frühe Förderung ist bei Jungs und Mädchen oft nicht die gleiche. Und sich auf eine Tätigkeit radikal und eventuell auch nicht-emotional zu fokussieren, alles andere beiseite zu schieben, da haben die Männer nach meinem Dafürhalten eine Art Evolutionsvorteil!

Christian Voll:
Es gibt das Klischee vom Schachspieler als Intelligenzbestie, als mathematisches Rechengenie mit unglaublicher Vorstellungskraft und fleißigem, stundenlangem Variantenstudium.

Elisabeth Pähtz:
Da muss man schon etwas differenzieren. Ich zum Beispiel war schlecht in Mathe, dafür gut in Kunst und Musik. Meine Ausbildung absolvierte ich dann als staatliche Fremdsprachenkorrespondentin. Aber von meiner Biografie mal abgesehen, hat sich inzwischen eine andere Klassifizierung etabliert. Es gibt intuitive und logische Schachspielertypen. Ich etwa entscheide viele meiner Züge eher intuitiv. Zur Frage nach Begabung und Fleiß vielleicht noch dies: Ohne ein gewisses Talent geht es nicht ganz nach oben. Mit purem Fleiß lässt sich ein beachtliches, aber kein Spitzenniveau erreichen. In meinem Fall funktionieren zwei bis drei Stunden am Tag mit Taktiktraining, Eröffnungstheorie beziehungsweise Computeranalyse noch ganz gut. Wenn andere fünf, sechs und mehr Stunden am Tag trainieren, frage ich mich, ob das dann so effektiv sein kann.

Christian Voll:
Wie steht es um die Zukunft des deutschen Spitzenschachs?

Elisabeth Pähtz:
Bei den Männern recht gut. Die haben eine ausgeglichene, harmonische und stabile Truppe, die durchaus realistische Chancen hat, nochmals einen Coup wie 2011 zu landen, als sie überraschend Mannschaftseuropameister wurden. Bei den Frauen bin ich nicht so optimistisch. Da haben andere Länder sicher viel bessere Rahmenbedingungen.
Oder einfacher formuliert: Deutschland ist kein Schachland.

Das Gespräch führte Christian Voll

Interview/Bericht: Christian Voll