Schach dem Virus: Wie ein Lichtenfelser Verein die Kontaktsperre aufhebt

Der kreative Umgang mit Krisen legte sich dem Schachverein Seubelsdorf bereits mit in die Wiege: In seinem Gründungsjahr 1929 brach eine Weltwirtschaftskrise aus, die Massenarmut, Diktatur, Krieg und Elend nach sich zog. Die findigen Denksportler behalfen sich mit Kaffeespenden aus Schweden und setzten als ersten Preis beim Vereinsturnier schon mal einen Laib Brot aus. Dies geht aus den Protokollbüchern hervor, deren Durchsicht und Digitalisierung anlässlich des neunzigjährigen Vereinsjubiläums auf Initiative des zweiten Vorsitzenden, Kilian Mager, hin begonnen wurde.

Erste Ergebnisse dieser Aufarbeitung der eigenen Geschichte konnten auf der Weihnachtsfeier im Dezember 2019 vorgestellt werden – gerade als im chinesischen Wuhan eine Krankheit auftrat, die sich alsbald zu einer weltweiten Pandemie auswachsen sollte. In zwei der drei Runden der Bezirksoberliga, die 2020 noch gespielt wurden, blieb die Seubelsdorfer Mannschaft siegreich und beendete damit ihre eigene kleine Krise. In der letzten Runde am 22. März schien es nur noch darum zu gehen, den sicheren Platz im Mittelfeld zu verteidigen. Der Seubelsdorfer Schülerspieler Tobias Kolb freute sich außerdem darauf, seine enorme Spielstärke einmal mehr unter Beweis stellen zu können, die ihm nicht nur zahlreiche Erfolge in Mannschaftsspielen und Einzelturnieren beschert hatte, sondern noch dazu eine meisterhafte Wertungszahl von 2150.

Doch in der Zwischenzeit geriet die Welt in den Bann von Corona, dem wie vieles andere auch der Spielbetrieb der Schachligen zum Opfer fiel. Jene letzte Runde konnte nicht am vorgesehenen Termin ausgetragen werden; ob oder wann sie jemals stattfinden kann, das ist nur eine kleine unter vielen meistens weitaus schlimmeren Unsicherheiten, die ein kleines Virus mit großer Wirkung heraufbeschworen hat.

Das Seubelsdorfer Vereinsleben schien unter dem Druck dieser Krise ebenfalls zum Stillstand zu kommen. Sich wie üblich jeden Freitag im Lichtenfelser Myconius-Haus zum Jugendtraining und freien Partien zu treffen, das gerade geplante Programm mit geselligen Freizeitaktivitäten auch jenseits der 64 Felder durchzuführen, daran war unter den Regeln der Kontaktsperre nicht mehr zu denken.

Das Denken hört bei Schachspielern allerdings schon gewohnheitsmäßig nicht so leicht auf und geht auch in Krisenzeiten weiter – einem verbreiteten Klischee zufolge allerdings ohne Nutzen für die Allgemeinheit. Handelt es sich bei Schach nicht, wie der Krimiautor Raymond Chandler behauptete, um die größte Verschwendung menschlicher Intelligenz außerhalb von Werbeagenturen? Und besteht diese Verschwendung nicht darin, dass weltfremde menschenscheue Sonderlinge ihre Gedanken nur um die Steine auf dem sprichwörtlichen Brett vor dem Kopf kreisen lassen?

In der Corona-Krise widerlegten die Mitglieder des Schachvereins Seubelsdorf dieses Klischee gründlich. Statt Chandler folgten sie dem Dichterphilosophen Friedrich Hölderlin, der hoffnungsvoll sagte: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Mit der Gefahr der Isolation ließen die Seubelsdorfer das Rettende der Verbindung wachsen, die ihr Spiel auch in Zeiten körperlicher Abwesenheit zulässt. Am 13. März, dem letzten Tag, an dem noch Schulunterricht stattfand, schlug Kilian Mager per E-Mail vor, den Clubabend ins Internet auf einen werbefreien Schachserver zu verlegen und das Jugendtraining mit einer bekannten App weiterzuführen, um einander nicht aus den Augen zu verlieren. Diese Chance, die Zeit der erzwungenen Blockaden mit spielerischer Weiterbildung zu überbrücken, wurde und wird von den Vereinsmitgliedern dankbar angenommen. Seit dem 20. März trifft sich der Verein regelmäßig in virtuellen Räumen: Online fand am 3. April eine Vereinsblitzmeisterschaft statt, der nach dem langjährigen auch menschlich sehr engagierten Spielleiter benannte Robert-Zach-Cup; Tobias Kolb absolvierte am Gründonnerstag ein Simultanspiel; Spielleiter Christian Mager leitet regelmäßig Studienabende, bei denen ausgekügelte Schachkompositionen „geknackt“ werden können. Auch das Jugendtraining geht online weiter. Dabei dürfte es sich um eine große Ausnahme handeln: sportliche Aktivitäten auf Vereinsebene, die unbeeinflusst von der Krise weitergehen, ja von ihr teilweise erst angeregt worden sind.

Sich gegenseitig und miteinander geistig fit zu halten, war und ist allerdings nur ein Vereinsziel der Seubelsdorfer. Das menschliche Miteinander zu pflegen stellt in der Vereinsgeschichte ebenso eine bedeutende Tradition dar, die sich auch und gerade unter den heute herrschenden Bedingungen bewusst weiter fortsetzt. So richtete der Erste Vorsitzende Matthias Bergmann am 18. März per Rundschreiben einen Aufruf an alle Vereinsmitglieder, in dem es heißt: Nun da die Welt im Schach stehe, könnten die Schachspieler zeigen, welche Angriffs- und Verteidigungszüge ihnen dazu einfielen. Insbesondere sollten sie niemanden alleine stehen lassen. In einer Weltkrise geboren, bietet der Schachverein Seubelsdorf auch (in) der jetzigen Krise – Schach, und zwar als ein durchaus nicht weltfremdes Forum.

In Windeseile haben es die so Ermunterten gelernt, das Neuland des Online-Schachs zum Brückenbau in äußerlich distanzierten Zeiten zu nutzen. Die dadurch vertieften und neu geschaffenen Verbindungen können bleiben, auch wenn das Virus wieder weichen muss. Schach ist also offenbar dann keine Verschwendung, wenn mit ihm auch die soziale Intelligenz gefördert wird. Indem der Schachverein Seubelsdorf dieses Anliegen pflegt, ist es ihm gelungen, die Kontaktsperre aufzuheben. Hat „etwas aufheben“, wie Hölderlins Jugendfreund Hegel bemerkte, doch drei miteinander verflochtene Bedeutungen: es außer Kraft setzen; es aufbewahren; und es auf ein höheres Niveau heben. Denn durch die Seubelsdorfer Netzwerkarbeit ist für die Teilnehmenden erreicht worden, dass Zuhausebleiben eben nicht automatisch Einsamkeit bedeutet. Wie Kilian Mager betont, sind alle Interessierten herzlich dazu eingeladen, sich ebenfalls mit und in dem Schachverein Seubelsdorf zu vernetzen. Um beim ganz legalen Aufheben der Kontaktsperre mit anzupacken, genügt dazu ein Mail an: mager.kilian_svs@web.de

Von Uwe Voigt

Beitragsbild: Kilian Mager erprobt das Schachforum im Internet

Bildquelle: Kilian Mager

Elias Pfann

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2. Vorsitzender und Webmaster beim SC Höchstadt, Webmaster beim Schachbezirk Oberfranken, Webmaster bei der Bayerischen Schachjugend, Webmaster bei schachtraining.de

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